Friedrich-von-Schiller Gemeinschaftsschule Reilingen

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Lerngang zur KZ-Gedenkstätte Mannheim-Sandhofen

„Brot ist Leben“
Am 14. Januar 2020 unternahm die Klasse 9a der Friedrich-von-Schiller Gemeinschaftsschule mit ihrem Klassenlehrer Philipp Seitz einen Lerngang zur KZ-Gedenkstätte Mannheim-Sandhofen. Im Geschichtsunterricht befassen sich die Schülerinnen und Schüler derzeit mit dem Thema der NS-Zeit. Um 8:24 Uhr ging es vom Neulußheimer Bahnhof los in Richtung Mannheim, dort mit der Straßenbahn weiter zum Stadtteil Mannheim-Sandhofen, wo Frau Kaiser von der KZ-Gedenkstätte uns an der Haltestelle abholte. Bereits hier erklärte sie uns anhand von Bildtafeln, die Sandhofen in den letzten Kriegsjahren zeigten, wie es hier früher aussah und wieso der Stadtteil für die Nationalsozialisten in Mannheim eine Rolle spielte.
Während die jüdische Bevölkerung aus Mannheim und dem Rhein-Neckar-Kreis (auch aus Reilingen) in das südfranzösische Lager Gurs deportiert wurde, errichteten die Nazis eine (von zahlreichen) zum Konzentrationslager Natzweiler (Elsass) gehörende Außenstelle in der Sandhofener Friedrichschule (heute Gustav-Wiederkehr-Schule), in die ausschließlich Gefangene aus Polen interniert wurden. Die meisten stammten aus ursprünglich Warschau. Die insgesamt 1060 polnischen Gefangenen wurden hier zur Zwangsarbeit im Daimler-Benz-Werk in Mannheim-Luzenberg herangezogen. Im KZ Dachau hatten Daimler-Mitarbeiter die Polen zuvor ausgesucht.
Den meisten sind die großen Konzentrationslager (KZ) wie Auschwitz ein Begriff. Jedoch ist noch immer relativ unbekannt, dass zu jedem KZ zahlreiche kleinere Außenstellen gehörten. Unterteilt waren die KZ einerseits in Vernichtungslager wie Auschwitz oder Treblinka, die ausschließlich den Zweck verfolgten, Menschen massenhaft zu ermorden. Daneben gab es viele sogenannte Arbeitslager, die jedoch kaum weniger schrecklich waren. Ihr Zweck war die Ausbeutung von Arbeit, ohne die Menschen dafür zu bezahlen und ausreichend zu ernähren. Der Tod war genauso vorherbestimmt, jedoch nicht durch direkte Ermordung, sondern durch Unterernährung, Überarbeitung, Folter, Seuchen und Krankheiten. Die KZ-Außenstelle in Sandhofen gehörte zu solch einem Arbeitslager, zum KZ Natzweiler.
Die Schülerinnen und Schüler der 9a lauschten sehr aufmerksam den eindringlichen Worten Frau Kaisers, die mit ihnen zusammen die Straße entlangging, die 1944 auch die 1060 polnischen KZ-Häftlinge, Männer und Jugendliche, entlangmarschieren mussten. Jeden Tag gingen die Gefangenen zu Fuß von ihrer Unterkunft in Sandhofen in das 6 Kilometer entfernte Daimler-Werk Mannheim-Luzenberg. Tag für Tag, bekleidet in der typisch gestreiften Häftlingskleidung und in Holzschuhen, marschierte ein schier endloser Zug von ausgehungerten, ausgemergelten und kraftlosen Menschen von Sandhofen nach Luzenberg. Die Holzschuhe sorgten für eine traurige Geräuschkulisse am Morgen und am Abend.
Vor Ankunft der Häftlinge, die nichts verbrochen hatten, sondern lediglich das Pech hatten, dass sie aus dem besetzten Polen stammten und als Arbeitskräfte ausgenutzt werden sollten, bereitete die Nazi-Propaganda die Mannheim-Sandhofener Bevölkerung auf die Polen vor: Sie verbreiteten schlimmste Gerüchte über die Polen, die allesamt erfunden waren. So war die Sandhofener Bevölkerung voller Missgunst und Misstrauen gegenüber den ankommenden Gefangenen eingestellt. Beim täglichen Marsch vorbei an der Sandhofener katholischen Kirche zogen die gläubigen Polen ihre Sträflingsmützen und bekreuzigten sich. Allmählich erkannten viele Sandhofener, dass diese Gefangenen Menschen waren, genauso wie sie selbst. Einige empfanden Mitleid. Jedoch regierte die Angst: Wer offen Mitleid zeigte, einen Gefangenen grüßte oder ihm gar etwas zu essen zustecken wollte, wurde streng bestraft. Aus Angst vor der eigenen Inhaftierung blieb es beim Mitleid aus der Ferne.
Die 1060 Gefangenen wurden auf 16 Klassenzimmer der Friedrichschule Sandhofen aufgeteilt. Sie schliefen auf zwei- und dreistöckigen Pritschen. Anfangs teilten sich zwei Männer eine Pritsche mit einer Decke. Zum Frühstück gab es Ersatzkaffee oder Kräutertee, aber keinerlei Kalorien. Für den Tag mussten die gefangenen Polen mit 100-120 g Brot auskommen. Am Abend gab es eine wässrige Rübensuppe. Frau Kaiser zeigte der Klasse einen Interviewfilm mit zwei überlebenden polnischen ehemaligen Gefangenen von Sandhofen. Einer sagte, er wog durch die Mangelernährung nur noch 32 kg. Heute, sagte er im Interview, kann er nicht mitansehen, wie manche ein Stück Brot achtlos wegwerfen. Niemals, führte er fort, würde er Brot in den Müll schmeißen, denn, wer einmal so Hunger verspürte wie er, der kann das nicht. Dann schloss er mit den Worten: „Brot ist Leben!“ Sichtlich ergriffen von den Schilderungen trat die Klasse 9a mit Herrn Seitz die Heimfahrt an.

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